Deutschland sieht sich aktuell mit der Herausforderung konfrontiert, seine Wirtschaft nach einer Phase des schwachen Wachstums nachhaltig zu beleben. In diesem Kontext könnte die Bauwirtschaft eine bedeutende Rolle übernehmen. Die Sozialpartner der Branche, darunter die Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt (IG BAU), der Zentralverband Deutsches Baugewerbe (ZDB) und der Hauptverband der Deutschen Bauindustrie (HDB), haben ein gemeinsames Positionspapier veröffentlicht, das die Bauwirtschaft als Schlüsselsektor für die wirtschaftliche Erholung des Landes beschreibt.
Aktuelle Ausgangslage: Stagnation in der Bauwirtschaft
Nach Prognosen des Sachverständigenrats wird das Wirtschaftswachstum Deutschlands im Jahr 2026 voraussichtlich bei nur 0,5 Prozent liegen. Hauptgründe dafür sind gestiegene Energiepreise und internationale Handelskonflikte. Zudem zeigt sich eine deutliche Wohnungsnot: Während 2025 lediglich 206.600 neue Wohnungen realisiert wurden, liegt der jährliche Bedarf bei rund 400.000 Einheiten. Dies führt zu einer erheblichen Lücke im Wohnraumangebot.
Freie Kapazitäten und wirtschaftliche Effekte
Mit etwa 2,6 Millionen Beschäftigten und einer jährlichen Wertschöpfung von über 150 Milliarden Euro ist die Bauwirtschaft ein gewichtiger Wirtschaftsbereich in Deutschland. Derzeit bestehen im Hoch- und Tiefbau Kapazitäten, die für neue Bauprojekte genutzt werden könnten. Studien belegen, dass jeder in die Bauwirtschaft investierte Euro einen volkswirtschaftlichen Multiplikatoreffekt von 1,3 bis 1,5 hat, was zeigt, dass Bauinvestitionen effektiver sind als konsumorientierte Maßnahmen.
Vorgeschlagene Maßnahmen zur Nutzung der Bauwirtschaft als Konjunkturmotor
Um die Bauwirtschaft als Motor für die wirtschaftliche Belebung zu nutzen, schlagen die beteiligten Verbände mehrere Maßnahmen vor:
– Das KfW-Förderprogramm für klimafreundliche Neubauten (EH 55) soll verlängert und verbessert werden, um mehr Bauprojekte zu initiieren.
– Eine Anpassung der Sonderabschreibung (AfA) zur Förderung des Mietwohnungsbaus auf den Effizienzhaus-Standard 55 wird angestrebt.
– Der Bauüberhang von etwa 453.000 genehmigten, noch nicht begonnenen Wohnungen soll durch zeitlich befristete Sonderkonditionen abgebaut werden.
– Ein Grunderwerbsteuer-Freibetrag und KfW-Nachrangdarlehen sollen den Erwerb von Wohneigentum für mittlere Einkommen erleichtern.
– Der soziale und bezahlbare Wohnungsbau soll durch verstetigte und ausgebaute Finanzmittel gefördert werden.
– Investitionen in moderne Infrastruktur – insbesondere in Verkehr, Energie und Digitalisierung – sind von entscheidender Bedeutung.
– Um faire Wettbewerbsbedingungen zu schaffen, müssen Schwarzarbeit und Sozialdumping konsequent bekämpft werden.
– Schließlich sollen Planungs- und Genehmigungsprozesse durch Digitalisierung und die bundesweite Anerkennung von Typengenehmigungen beschleunigt werden.
Rahmenbedingungen schaffen für eine starke Bauwirtschaft
Die Bauwirtschaft bietet mehr als nur Wirtschaftswachstum; sie ist ein Garant für gesellschaftlichen Zusammenhalt. Investitionen in den Wohnungsbau, die Infrastruktur und die Digitalisierung nicht nur schaffen bleibende Werte, sondern sichern auch die Zukunftsfähigkeit des Standorts Deutschland. Um dies zu erreichen, müssen Politik, Arbeitgeber und Gewerkschaften gemeinsam die Rahmenbedingungen für eine leistungsfähige Bauwirtschaft schaffen.



